Die angeblich notwendige Bebauung des Wasserkamps wird aktuell gerechtfertigt mit der Wohnungsnot in Hildesheim. Tatsächlich ist der Wohnungsmarkt sehr angespannt – nicht zuletzt, da jahrelang der Wasserkamp bearbeitet wurde, anstatt auf schnellere Lösungen zu setzen. Aber der Wasserkamp wird dies Problem nicht lösen, da dort der benötigte Wohnraum rein preislich gar nicht verwirklicht werden kann.
Lösungsmöglichkeiten für den angespannten Markt wären es somit, schnelle, kostengünstigere und klimaschonende Wohnmöglichkeiten im Bestand umzusetzen. Infrage kommt hierbei ein Maßnahmenpaket aus verschiedenen Optionen, darunter Umnutzungen, Bebauung passenderer Flächen für Einfamilienhäuser, etwa im bereits erschlossenen Sorsum, und Dachaufstockungen. Vonseiten der Stadt wird nicht einmal eine Potenzialanalyse bezüglich möglicher Dachaufstockungen in Erwägung gezogen, eine solche wäre teuer und nutzlos. Natürlich ist es korrekt, dass ein Großteil der entsprechenden Flächen im Privatbesitz sind. Dennoch kann bei entsprechenden Anreizen hier sicher einiges an Raum geschaffen werden bei entsprechender Motivation.
Umnutzung ebenso wie Sanierung, also die Aufwertung bereits vorhandenen Wohnraums, haben auch einen sehr viel geringeren CO2-Abdruck als selbst der effizienteste Neubau über seine gesamte Lebensspanne. Regelmäßig arbeiten Studierende der HAWK Bauen und Erhalten konstruktive Nutzungsmöglichkeiten zur sog. Innenverdichtung heraus (also zur Erstellung von Wohnraum durch genannte Praktiken und eben nicht durch Neubau auf der grünen Wiese) – ebenso regelmäßig werden diese von der Stadt als Option abgelehnt.
Studierende sind es auch, die laut Stadt auf ihrer Seite zum Projekt, wenn auch unfreiwillig, klimaschädigend wirken, indem sie aufgrund des unbebauten Wasserkamps in Hildesheim keinen Wohnraum finden und pendeln müssen, was nach Rechnung der Stadt scheinbar eine höhe Klimabelastung darstellt als die Versiegelung von 350 000 m2 Ackerboden sowie der Neubau mit entsprechenden Emissionen von 900 Wohneinheiten – ein interessanter Weg, die eigenen langjährigen Versäumnisse, für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen, nun zur Beförderung der eigenen Interessen umzudeuten. Der beste Klimaschutz für Hildesheim, und dazu noch sehr leicht und kostengünstig umsetzbar: die 350 000 m2 Wasserkamp unbebaut lassen, auf diesem Weg Versickerungsmöglichkeiten und Kühleffekt für die Stadt erhalten.
Denn auch für die erwiesene Aufheizung der Stadt durch ein hohes Maß an Versiegelung – Hildesheim ist hier sogar Spitzenreiter im gesamten Norden Deutschlands mit knapp 50 % versiegelter Fläche – kann es gerade nicht die Antwort sein, ebendiese riesige Fläche nun auch noch mit Beton überziehen zu wollen. Es müssen Hitzeschutzkonzepte erstellt werden, um die Bevölkerung, vor allem die Schwächsten, zu schützen, darunter weit vorne: (ansonsten teures) Entsiegeln. Eine sehr preisbewusste Lösung auch hier: Wasserkamp unversiegelt, also unbebaut erhalten.

Die Anwohner/innen der Marienburger Höhe sind bereits jetzt direkt betroffen vom Durchgangsverkehr nach Itzum. Durch ein weiteres großes Neubaugebiet dort würde der Verkehr und damit Lärm und Luftverschmutzung auf den Zubringerstraßen noch weiter ansteigen. Zwar sinkt aktuell die Belastung durch Abgase, da es mehr Elektroautos gibt. Allerdings entsteht ein großer Anteil der Feinstaubbelastung tatsächlich durch Reifenabrieb beim Bremsen – die entsprechenden Werte wurden an der Marienburger Straße noch nicht einmal gemessen. Die Stadt behauptet, den Bus öfter fahren lassen zu wollen und hierdurch zu einer Verkehrsberuhigung beizutragen. Allerdings stellte sich dann die Frage, ob die Neubesitzer der hochpreisigen Einfamilienhäuser auf dem Wasserkamp dann wirklich den Bus nehmen. Somit kann es zur Beruhigung des Verkehrs an dieser Stelle nur die Lösung sein, Wohnraum zu schaffen dort, wo die Arbeitsplätze sind – in der Innenstadt, den Bus trotzdem öfter fahren lassen und bessere Verkehrswege für Radverkehr zu schaffen, da langfristig dies die einzige Möglichkeit ist, Luftverschmutzung und Lärm durch Autoverkehr zu reduzieren. Die Stadt ist seit dem „Wirtschaftswunder“ organisiert rund um die „Bedürfnisse“ des Autos. Wir sollten dies dringend an unsere Zeit anpassen und den Raum wieder zur Verfügung stellen für die Bedürfnisse der Menschen (und Natur).
So muss es Ziel einer zukunftsgerichteten Stadtplanung sein, die Interessen der Bürger/innen einzubeziehen – nicht lediglich die von Investoren und höchst solventen Bauwilligen. Dazu gehört auch, anstatt aber auch wirklich alles auf dem noch unbeschriebenen Blatt Wasserkamp angeblich umsetzen zu wollen, einfach mal realistische und an den tatsächlichen Bedürfnissen ausgerichtete Lösungen zumindest erst einmal versuchen zu finden. So soll auf dem Wasserkamp natürlich auch altersgerechter Wohnraum entstehen. Darf man sich darunter Seniorenresidenzen vorstellen? Die tatsächlichen Ansprüche des 9000 Einwohner großen Itzum bestehen mit einer überdurchschnittlich hohen Altersstruktur darin, dieser älter werdenden Bevölkerung gerecht zu werden, indem diesen ein menschenwürdiges Altwerden im eigenen Zuhause ermöglicht wird – durch das Gründen einer Beratungsstelle, etwa für Hilfe bei Vermittlung von „Alters-WGs“, ggf. Förderung für Umbau zu altersgerechten Wohnverhältnissen usw. Oder soll ganz Itzum in den nächsten Jahren auf den Wasserkamp umsiedeln? Entsprechende Ansätze fehlen aktuell völlig.
Unser Fazit: Man kann den Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft nicht mit Vorgehensweisen der Vergangenheit gerecht werden wie mit dem großen Neubaugebiet auf der grünen Wiese. Wir müssen Lösungswege neu denken und Dinge ausprobieren. Es gibt dabei bereits zahlreiche Studien und Konzepte, kreative Köpfe und inzwischen auch bewährte Ideen, wie den drängendsten Problemen unserer Zeit begegnet werden kann: Sanierung und Umnutzung statt Neubau, städtebauliches Umdenken von der Vorherrschaft des Autos zurück zur Nutzung der Stadt für den Menschen, Klimaschutz und Nachhaltigkeit stets mitdenkend.
